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Türkeiler

Mit dieser Anzeigenüberschrift lockte mich Rudolf (genannt Rudi) Humme, Borken/ Westfalen, in der Zeit vom 22. bis 28.10.2004 zu einer Mondschein-Ansitz- bzw. Pirschjagd auf hauende Schweine ins tiefste Anatolien. So fand ich mich denn nach längerem Aufenthalt bei der Polizei auf dem Flughafen Istanbul (wegen der Waffeneinfuhr) und nach 1 1/2 Stunden Stau vor der Bosperus-Brücke (wegen Ramadan) schließlich gegen 24.00 Uhr in Avdan in der Gesellschaft von Rudi Humme und unserem türkischen Jagdveranstalter Ismail Murat Güray nebst dessen für die Küche zuständigen Frau Hildi (aus Ungarn) wieder. Wir lagerten im ehemaligen Haus des Dorfschulmeisters, das der Bürgermeister des Dorfes Murat sozusagen als Jagdhütte zur Verfügung gestellt hatte. Avdan, das bezeichnenderweise soviel heißt wie: „Platz, an dem gejagt wird“, ist ein verlassenes und weitgehend verfallenes Dorf auf 1.100 m Höhe in der Nähe von Kütahya, in dem nur noch zwei/drei Leute wohnen, u.a. Murats Jagdhelfer Hüsejin.

Nach einer mittels einer Flasche Raki gut durchschlafenen Nacht ging es am nächsten Morgen los, um die Türkeiler zu fährten. Die Landschaft ist mittelgebirgig-hügelig mit Kiefern und lichten Eichenwäldern auf den Kuppen und unbewirtschafteten Feldern an den Hängen und in den Tälern, die durch Steinwälle und Eichen-Knicks voneinander getrennt werden. Es hat schon längere Zeit nicht mehr geregnet, die Felder sind trocken, der Boden ist krümelig, das Abfährten fällt schwer. Doch führen die Berge Wasser, so daß in den kleinen Tälern zwischen den Kuppen Suhlen vorhanden sind, die von den Standkeilern angenommen werden. Dort, wie aber auch auf den Feldern zwischen den Eichenbäumen finden wir bald starke Fährten von groben Keilern. Die Rotten sind wegen der Trockenheit nicht hier oben, sondern suchen in den Tälern noch die Zuckerrübenfelder heim.

Da wir uns ausrechnen, daß die Keiler am Abend erst zur Suhle kommen, um danach unter die Eichen zu wechseln, suchen wir uns ganz in der Nähe des Dorfes eine vielversprechende Suhle unter sechs Pappeln am Ende einer relativ ebenen Wiese in einem Tal zwischen mit Eichen bewachsenen Hängen für den ersten Abendansitz aus. Hier stehen Trittsiegel so groß wie Kälbertritte!

Gegen 18.30 Uhr ziehen wir los. Voran Hüsejin, bewaffnet mit seiner Doppelflinte, geladen mit selbstgestopften Flintenlaufgeschossen, und einem blauen Plastikgartenlehnstuhl, auf dem ich Platz nehmen soll. Auf dem Weg redet er die ganze Zeit in einem Idiom auf mich ein, das ich nicht verstehe. Wahrscheinlich ist es türkisch. Ich folge ihm mit meiner Mannlicher-Schoenauer-Büchse, Kal. 8 mm-06 Ackley impr. 40°, bestückt mit einem 2 1/2 bis 10 x 50 Zeiss mit Leuchtabsehen. Natürlich darf das 8 x 56 Zeiss Nachtglas nicht fehlen.

Da gerade der Fastenmonat Ramadan im Gange ist, darf Hüsejin als gläubiger Muselmann vor Sonnenuntergang weder essen noch trinken. Dementsprechend groß sind sein Durst und Appetit auf dem Ansitz, so daß er auch einige Tüten mit Essen und Trinken mitschleppt, die natürlich beim Entleeren ziemlich rascheln. Nachdem er damit fertig war, mußte erst einmal eine schrecklich stinkende Zigarette geraucht werden. Danach wurde ausgiebig gehustet und dann kehrte Ruhe ein.

Gegen 21.00 Uhr rieselten am Gegenhang Steine und plötzlich zog auf kurzem Weg ein Mords-Riesen-Mega-Monster-Schwein eilig im hellen Schein des noch zunehmenden Mondes über die Wiese unter die Pappeln an die Suhle, um dort im Schatten zu verschwinden. Ich hatte gerade noch Zeit, das Fernglas hochzunehmen und wahrzunehmen, was mir da bevorstand.

Nun tat sich erst einmal minutenlang überhaupt nichts. Hüsejin bedeutete mir mit Handzeichen, daß der Keiler in der Suhle liege. Dann plötzlich ein leises Platschen. Als dann die Planschgeräusche etwas lauter wurden, stand ich vorsichtig auf, da ich in ungünstigem Winkel zu der Suhle auf dem blauen Plastikgartenlehnstuhl saß. Dann wieder Stille. Minutenlang. Ich dachte schon, ich hätte den Keiler vergrämt. Da plötzlich im immer noch hellen Mondlicht die Riesensilhouette zwischen den Pappeln. Kurzes Verhoffen. Ich nehme die Büchse hoch. Da fängt er schon an zu ziehen. Ich fahre vorsichtig mit in den vorderen Bereich hochblatt und lasse fliegen.

Nach dem Schuß ein lautes, wütendes, langanhaltendes Grollen. Dann das Geräusch von Wälzen eines großen Körpers im hohen trockenen Gras. Nach dem sofortigen Durchladen sitzt die Büchse wieder an der Backe und im Zielfernrohr sehe ich, daß der Keiler an den Platz gebannt ist. Durch den beabsichtigten hohen Schuß durch Schulterblätter und Rückgrat. Jetzt folgt wütendes Waffengeklapper. Ich gehe ein paar Schritte den Hang entlang, um besseres Schußfeld zu haben und bringe dann den zweiten Schuß auf 60 m am Brustbein an, er tritt nach Passieren der Kammer neben dem Rückgrat aus und die Bewegungen stoppen abrupt.

Hüsejin hat großen Respekt vor dem erlegten Keiler und geht mit Scheinwerfer und Flinte im Anschlag ganz vorsichtig an ihn heran (ständig unverständliche Worte mit vielen Ö’s und Ü’s von sich gebend, wahrscheinlich türkisch). Ich folge ihm, ebenfalls mit schußbereiter Büchse. Je näher wir kommen, desto gewaltiger wird der Keiler, den ich da geschossen habe. Als wir dann davor stehen, sehen wir sofort die blitzenden Waffen (25 und 25 1/5 cm) und vor allem die unglaublichen Haderer (21 und 18 cm lang bei einem Umfang von 10 cm!). Und natürlich die gewaltigen Ausmaße des Wildkörpers (1,90 m vom Wurf bis zum Pürzelansatz bei ca. 190 kg).

So ging der erste Jagdtag oder besser gesagt die erste Jagdnacht mit unglaublichem Erfolg zu Ende. Einen solchen Keiler werde ich wohl in meinem ganzen Leben nicht mehr erlegen können. Das war dann natürlich zwei Flaschen Raki wert und einen Handy-Anruf bei meinen engen Jagdfreunden, denen ich verkündete, ich hätte soeben einen Keiler geschossen „so groß wie mein Jugendstil-Sofa“.

Die nächsten drei Nächte vergingen mit Ansitz an vielversprechenden Suhlen bzw. Bachläufen, z.T. mit sich anschließender Pirsch im Mondschein. Sie verliefen jedoch erfolglos, da der Wind uns entweder zwang, so anzusitzen, daß die Suhle im Mondschatten lag oder auch unzuverlässig drehte.

Zwischenzeitlich lernte ich Schweinejagd-Türkisch. Es ist alles ganz einfach: Bak-schöjle-domus-tak-tamam = Sieh dort – nicht allzuweit weg – Schwein – Bumm – alles in Ordnung. Schwieriger wird es dann schon bei der Jagdbürokratie. So heißt zum Beispiel Forstverwaltung: „Orman Müdürlügü“, wobei das „g“ am Ende so ausgesprochen wird, als würde man gerade gewürgt.

Am letzten Abend folgten wir einer Empfehlung Hüsejins, der sich ja um das Dorf herum bestens auskannte, da er dort jeweils mittwochs sowie freitags und sonnabends Tauschan (gemeiner Feldhase) nachstellte, und setzten uns an einem Feldrain unweit des Dorfes unter z.T. großen und gut fruchttragenden Eichenbäumen an. Wir hatten selbst dort – von Hüsejin aufmerksam gemacht – in den vorangegangenen Tagen eine sehr starke Keilerfährte stehen sehen. Diesmal ging Murat mit, da mir Hüsejins Rascheln mit den Ramadan-Tüten und sein Raucherhusten denn nun langsam doch etwas zu bunt geworden waren. Früh saßen wir in einem Schirm aus Eichenzweigen, den uns Hüsejin tagsüber gebaut hatte, jeder auf einem blauen Plastikgartenlehnstuhl. Murat war so still wie ein Grab, so daß mir das Rascheln meiner Jacke schon laut vorkam, wenn ich einmal den Kopf gedreht habe.

Als ich gegen 20.00 Uhr mal wieder die Eichenbäume mit dem Glas ableuchtete, durchfuhr es mich wie ein elektrischer Schlag. Da stand doch tatsächlich in 70 m Entfernung in einer Lücke zwischen zwei auf den Stock gesetzten Eichen unter einem großen Eichenbaum schon wieder so ein Klavier von Keiler. Er stand zunächst spitz und ich bedeutete Murat, er solle versuchen, ihn ins Glas zu bekommen, damit er ggf. Schußzeichen oder ähnliches feststellen könne. Dann kam die Büchse hoch und ich hatte den mittlerweile breit nach links stehenden Keiler hinter dem Absehen.

Nun aber ging es mit mir durch. Ich brachte es einfach nicht fertig, wie beim ersten Mal cool zu bleiben und wieder hochblatt auf der Schulter abzukommen. Statt dessen kam ich hinter dem Blatt ab und dann auch noch etwas tiefer im unteren Drittel. Außerdem muß ich wohl auch noch etwas nach rechts gemuckt haben, denn im Schuß war deutlich ein dumpfer Kugelschlag zu hören, der auf einen weichen Schuß auf die Mitte schließen ließ. Der Keiler war dann auch sofort verschwunden.

Natürlich fanden wir ihn an diesem Abend nicht mehr, denn im Lampenlicht war auf dem Anschuß nicht auszumachen und solche Schweine beginnen ohnehin erst nach einer gewissen Zeit zu schweißen. Früh am Morgen des 28.10.2004 folgte die Fahrt nach Istanbul zum Flughafen und der Rückflug nach Deutschland.

Zwei Tage später dann die freudige Nachricht: Der Keiler war gefunden. Er war noch 1 1/2 bis 2 Kilometer gegangen und zwar mit einem Leberschuß. Auch dieser Keiler war ein altes hauendes Schwein mit 24 cm Gewehren und 14 cm langen Haderern. Er brauchte den Vergleich mit dem Keiler vom ersten Abend sicherlich nicht zu scheuen, wenn er natürlich an diese Supertrophäe auch nicht herankam, von der Rudi Humme hellauf begeistert war, denn er hatte selbst bei den von ihm geführten Keilerjagden am Ussuri keinen Bassen mit solchen Haderern erlegt.

Zwei Konsequenzen hat das Ganze für mich: Zum einen werde ich es sicherlich abermals dort versuchen, vielleicht in Form einer Brackenjagd mit Freunden oder einer Mondscheinpirsch im Juli, wenn die Keiler im Weizen zu Schaden gehen. Zum anderen werde ich beim nächsten Mal meine altbewährte Afrika-Mauser im Kaliber 10,75 x 68 mitnehmen, natürlich nicht ohne zuvor ein nachtjagdtaugliches Zielfernrohr darauf montieren zu lassen, denn bei solch gewaltigen Keilern erscheint mir selbst die doch fast an die 8 x 68 S heranreichende 8 mm-06 Ackley impr. 40° nicht ganz ausreichend zu sein.

Wolfgang Euler
Göttingen, den 04.11.2004

 

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